[DE+EN] #Ausgeliefert in der Krise

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Erst kommt das Schnitzel, dann kommt die Moral. Ein Interview mit Lieferando-Fahrer*innen der Betriebsgruppe der FAU Berlin.

Als Corona losging, musstest du trotzdem raus zum Liefern. Dich selbst und Andere in Gefahr bringen, das sollte kein Teil einer Jobbeschreibung sein – und war dann plötzlich Teil deines Jobs. Was ist im März und April 2020 bei den Fahrer*innen („Ridern“) von Lieferando passiert? Was passiert dort jetzt? Das folgende Interview geht auf diese Fragen ein, aber es soll gleichzeitig auch zur Schaffung eines größeren Bildes beitragen.[1]

Wenn wir in die Fleischindustrie, ins Gesundheitswesen – oder die Agrarindustrie schauen, können wir erkennen wie prekäre Arbeit in Krisensituationen aussieht. Die Zustände in den Branchen sind keine Einzelfälle, sondern exemplarisch für Missmanagement und Versagen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Lieferando – die dominierende deutsche Tochterfirma des Liefergiganten TakeAway.com – ist nur ein weiteres Beispiel für gefährliches Versagen privater Firmen in der Krise. Aber die Bewältigung der Krise durch Lieferando Rider ist auch ein weiteres Beispiel einer Idee, die älter ist als der Kapitalismus selbst: Die Selbstorganisation von Arbeiter*innen. In diesem Artikel sprechen Lieferando Rider über Infektionsrisiken, denen sie bei ihrer Arbeit #ausgeliefert sind, aber auch über Forderungen, die sie durchsetzen wollen, um ihre Situation zu verbessern.

Was sind eure größten Sorgen in dieser Krise?

Der Job war schon immer gefährlich. Wir sind im Straßenverkehr mit schweren und sperrigen Rucksäcken auf teilweise gefährlich schlecht gewarteten Rädern unterwegs. Dabei müssen wir uns vor gestressten Geschäftsleuten in Acht nehmen, die auf die Straße springen, während gerade ein wütender, rücksichtsloser SUV-Fahrer überholt. Da können wir uns weniger darum sorgen, ob die Suppe noch im Behälter ist oder schon im ganzen Rucksack. Jetzt haben wir es zudem noch mit Corona zu tun: Vom Restaurant bis zum Kunden das Risiko, sich anzustecken und dadurch krank zu werden, oder selbst das Virus zu verbreiten.

Hat Lieferando auf die Pandemie reagiert?

Ja, aber Lieferando (oder „TakeAway.com“, das Unternehmen, dem in Deutschland auch „Foodora“ und „DeliveryHero“ gehören) hat langsam reagiert. In Anbetracht der Verantwortung, die Lieferando gegenüber seinen Mitarbeiter*innen, dem Personal der Restaurants und den Kund*innen trägt, kann das Vorgehen zwar mit Profitinteresse erklärt werden, aber entschuldigen lässt es sich nicht. Die Rider wurden auf der Straße mit dem Virus allein gelassen. Lieferando hat hauptsächlich den Lieferbetrieb so normal wie möglich aufrecht gehalten und damit Ridern zusätzliche Verantwortung aufgeladen. Lieferando hat die Rider zusätzlichen Gefahren #ausgeliefert und auch Kolleg*innen während der Krise auf die Straße gesetzt, also gekündigt oder sie nach Befristungsende nicht weiter beschäftigt.

Wie sahen Lieferandos erste Reaktionen aus?

Rider haben kaum etwas von Lieferando gehört. Lieferando hat weder Mitarbeiter*innentreffen, noch Schulungen durchgeführt, oder einen persönlichen Austausch ermöglicht. Lieferando kommuniziert mit Ridern generell nur durch kleine Notizen oder kurze, oft missverständliche E-Mails. Die ersten Informationen und die folgenden Aktualisierungen konzentrierten sich ausschließlich auf die physische Distanzierung und Desinfektionsmaßnahmen. Lieferando betonte 1,5 m Abstand voneinander zu halten und sich die Hände zu waschen. Der tatsächliche Nutzen dieser Informationen war fragwürdig, da Lieferando die Hygienemaßnahmen nicht vollständig durchdachte. Erst Monate später gab es eine Präsentation, in der Hygienemaßnahmen nicht nur das Ausliefern, also den Kontakt mit Kund*innen betrafen. Es dauerte sehr lang bis Lieferando mit den Restaurants und Kund*innen effektiv kommunizierte. Anfangs verweigerten Restaurants den Zugang zu Toiletten, Waschbecken oder Desinfektionsmitteln. Kund*innen hielten sich nicht an Hygieneempfehlungen und beschwerten sich sogar über Rider, die Distanz halten wollten. Und Lieferando selbst gab erst kein Desinfektionsmittel heraus, dann eine kleine Menge, die anscheinend unwirksam gegen Viren war. Bis den Ridern eine vollständige Sicherheitsausrüstung (Einweghandschuhe, Gesichtsmasken, Desinfektionsgel) zur Verfügung gestellt wurde, veröffentlichte Lieferando Aussagen wie

“Handschuhe und Gesichtsmasken würden dem Rider ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln und ihn so dazu verleiten, andere Sicherheitsmaßnahmen zu vernachlässigen”.

Als es in Berlin mehr Infektionen gab, schloss Lieferando seine Lieferzentrale (genannt “Hub”) für Rider. Der Hub-Kolleg*innen schirmten sich ab. Rider blieben Anfangs ohne Schutz oder Unterstützung auf der Straße. Der Hub war vorher der Ort, an dem die Fahrer*innen zu Beginn ihrer Schicht ihre Ausrüstung abholten. Nach der Schließung des Hubs erhielten einige Rider dauerhaft Rucksäcke, Helme und Leihräder. Da Rider nun nicht mehr in den Hub durften, sollten sie von Zuhause aus starten. Genau wie die ehemaligen foodora-Rider mussten nun alle Rider ihre Ausrüstung ohne finanzielle Entschädigung selbst lagern, reinigen und reparieren. Für Lieferando reduzierte sich die Anzahl der Personen in dem Hub. Für Rider stiegen Belastungen und Risiken auf der Straße und zuhause. Lieferandos Firmenkonzept lässt kaum Platz für Hygienemaßnahmen oder Abstandsregelungen im Betrieb selbst. Auch ohne Corona ist der Hub zu eng, vollgestellt mit mangelhaft gewarteten, abgenutzten Rädern und stinkenden, durchnässten Rucksäcken. Seit Corona belastet Lieferando die Rider mit zusätzlicher Verantwortung, auf die sie nicht vorbereitet sind – und für die sie weder ausreichend geschult noch bezahlt werden. Auch das ist typisch für kapitalistische Ausbeutung.

Wie sieht die Situation jetzt aus, wo wir uns schon einige Monate in der Krise befinden?

Es dauerte etwa einen Monat, bis sich Lieferando auf die Notlage eingestellt hatte. Im Laufe der Zeit wurden die Informationen häufiger und inhaltlich besser: Im Chat der App machte Lieferando immer wieder neue Anweisungen zum Umgang mit Abholungen und Lieferungen. Bei sanitären Einrichtungen wurde stärker auf öffentliche Toiletten zurückgegriffen. Die Anweisungen und Informationen von Lieferando sind meist kurz und missverständlich, deswegen helfen sich die Rider in Chatgruppen, in ihrem Umfeld oder sie versuchen allein Wege zu finden, die Anweisungen sinnvoll umzusetzen.

Der chaotische und undurchsichtige Umgang von Lieferando mit Arbeiter*innen, Restaurants und Kund*innen konnte am Online-Trinkgeld Skandal beobachtet werden. Lieferando führte sehr überraschend eine Möglichkeit ein Trinkgeld online zu geben. Dies hatte wenig mit Covid-19 zu tun, obwohl Rider versuchten sich vor Infektionen durch Trinkgeld zu schützen. Alles, was die Rider mitbekamen war, dass nach einem Update der Liefer-App einige „Trinkgeld“ angezeigt bekamen. Rider wurden zum online Trinkgeld weder befragt, noch unterwiesen, sonder gezwungen. Manche Rider wollen weiter Bargeld als Trinkgeld und versuchen mögliche Infektionsgefahren beim Entgegennehmen zu vermindern. Einige Rider fürchten weniger verdienen zu können, weil sie weniger bares Trinkgeld bekommen und das online Trinkgeld nun auf der Lohnabrechnung erscheint. Die Unternehmensführung lässt uns, wie fast immer, keine Wahl und mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen allein.

Der Online Trinkgeld Skandal zeigt, dass Skepsis und Misstrauen der Rider wegen des intransparentem, willkürlichem Umgangs von Lieferando berechtigt sind. Einige Rider bekamen erst nach zwei Monaten ihre Online Trinkgelder ausgezahlt. Wer weiß, wie Viele überhaupt betroffen sind?

Reichen die Maßnahmen aus?

Die Maßnahmen von Lieferando waren bisher eher unzureichend, verspätet oder verantwortungslos. Lieferando scheint die Kommunikation nach außen wichtiger zu sein, als die mit den Ridern. Beschwerden von Ridern werden erst wahrgenommen, wenn es öffentlichen Druck gibt. Die verzögerten Reaktionen und die allgemeine Verantwortungslosigkeit von Lieferando gegenüber den Beschäftigten gefährdet die Gesundheit der Rider, Restaurants und Kund*innen. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass jeder Rider in der Lage ist, die Rucksäcke und Kleidung bei sich zu Hause zu lagern oder zu desinfizieren. Manche Rider wohnen mit über 8 weiteren Personen in einer Wohnung und teilen sich das Zimmer auch mal mit drei oder 4 anderen Menschen. Arbeiter*innen in anderen Bereichen, zum Beispiel im Krankenhaus, können ihre potentiell ansteckende Ausrüstung auf der Arbeit lassen. Lieferando zwingt Rider, ihre Familien oder Mitbewohner*innen zu gefährden. Lieferando entzieht sich seiner Verwantwortung und wälzt sie auf die Gesellschaft ab. Die unterbezahlten Arbeiter*innen und ihr Umfeld müssen die Verantwortung und Kosten übernehmen. Lieferando steigert so seine Gewinne, während für Arbeiter*innen und Öffentlichkeit die realen Löhne sinken und Last und Risiko steigen. Die Auslagerung von Kosten auf der Umfeld und damit dessen Ausbeutung ist typisch für kapitalistische Wirtschaftsweisen.

Was muss sich bei Lieferando ändern, um mit der Situation besser umgehen zu können?

Es ist bemerkenswert und beunruhigend, dass sich sowohl Staat als auch Bosse noch immer mehr Sorgen um das Wachstum der Wirtschaft machen aber nicht um das Wohlergehen der Arbeiter*innen und Kund*innen. Lieferando oder der Staat müssen angemessene Schutzausrüstung zur Verfügung stellen, anstatt die Rider damit zu belasten – und dann auf das Beste zu hoffen. Lieferando muss unsere Ausrüstung von einem professionellen Team ordnungsgemäß reinigen und desinfizieren lassen. Lieferando muss die sanitären Standards in der gesamten Lieferkette, einschließlich der Partnerrestaurants, auf einen hygienisch akzeptablen Stand bringen, nicht nur während Corona. Hygiensch gesehen ist das Essen im Restaurant dem Essen im Rucksack nicht gleich.

Was Lieferando und das Verhältnis zu den Mitarbeiter*innen betrifft, so ist die Ausnutzung der oft prekären Lebenssituationen der Arbeiter*innen eklatant. Lieferando zahlt Mindestlohn oder ein wenig darüber. Das deckt nicht grundlegende Lebenshaltungskosten. Rider sind Mobbing-Situationen, psychischem Druck und Drohungen ausgesetzt. Bei den meisten Problemen lautet die Lösung von Lieferando: Kündigung! Lieferando stützt sich auf Unsicherheiten derer, die mit der deutschen Sprache oder dem deutschen Recht nicht vertraut sind. Die ehemaligen Foodora Rider leiden unter noch schlechteren Vertrags- und Arbeitsbedingungen. Obwohl sie die gleiche Arbeit machen, behandelt Lieferando sie schlechter. Sie fahren mit ihrem eigenen Rad und bekommen zum Teil einen geringeren Lohn. Auch macht den ex-Foodora Ridern zu schaffen, dass sie meist vollkommen auf sich gestellt sind. Lieferando ignoriert sie und kommuniziert kaum mit ihnen.

Habt ihr noch ein paar Worte für eure Kolleg*innen, vielleicht darüber, was sie tun können, um diese Situation zu ändern?

Lieferando spaltet und isoliert uns. Unsere Ausbeutung basiert darauf, dass wir allein sind, uns nicht füreinander einsetzen also solidarisieren und nicht genug Wissen, Zeit oder Geld haben, um uns zu wehren oder anderen zu helfen. Aber wir brauchen nicht viel, um unsere Situation zu ändern und wir müssen nicht Viele sein. Alles, was wir brauchen, ist ein wenig gegenseitige Unterstützung, also Solidarität. Lasst uns zusammen kommen um unsere Probleme und Lösungen zu teilen. Akzeptiert nicht jede Situation, die Lieferando uns aufzwingen will.

Dein Fahrrad ist kaputt? Lieferando muss die Reparatur zahlen! Deine Ausrüstung ist schmutzig? Lieferando muss dich fürs Saubermachen bezahlen! Du bist krank oder hast wegen Corona Angst zur Arbeit zu gehen? Du willst einen unbefristeten Vertrag? Du kriegst deinen Lohn nur teilweise, ohne Trinkgeld oder verspätet? Du bist nicht allein! Sprich mit dem Rider neben dir. Kontaktiere Unterstützungsgruppen oder Gewerkschaften. Gemeinsam, auch in kleinen Gruppen, können wir Dinge ändern!

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#delivered in the crisis

Food delivery during the crisis: Schnitzel first, morals later.

When Corona went off, you still had to go out to deliver. Putting yourself and others in danger, that shouldn’t be part of a job description – and then suddenly it was part of your job. What happened to the riders of Lieferando in March and April 2020? What is happening there now? The following interview addresses these questions, but at the same time it should help to create a bigger picture.

If we look at the meat industry, health care or agricultural industry, we can see what precarious work looks like in crisis situations. The conditions in these industries are not isolated cases, but are exemplary of mismanagement and failure of the capitalist economic order.

Lieferando – the dominant German subsidiary of the supply giant TakeAway.com – is just another example of dangerous failure in a crisis. But Lieferando Rider’s handling of the crisis is also another example of an idea older than the crisis of capitalism itself: The self-organisation of workers. In this article, Lieferando Riders talk about the risks of infection they are exposed to in their work, but also about demands they want to enforce to improve their situation.

What are your biggest concerns in this crisis?

The job has always been dangerous. We are on the road with heavy and bulky backpacks on partly dangerously badly maintained bikes. We have to be careful of stressed out business people jumping on the road while an angry, reckless SUV driver is overtaking. So we can worry less about whether the soup is still in the container or already in the whole backpack. Now we also have to deal with Corona: from the restaurant to the customer, the risk of getting infected and getting sick or spreading the virus ourselves.

Has Lieferando reacted to the pandemic?

Yes, but Lieferando (or TakeAway.com, the company that owns Foodora and DeliveryHero in Germany) reacted slowly. Considering the responsibility Lieferando has towards its employees, restaurant staff and customers, the action can be explained as being in the interest of profit, but there is no excuse. The riders were left alone on the road with the virus. Lieferando mainly kept the delivery business as normal as possible and thus charged riders with additional responsibility. Lieferando has #delivered the riders to additional dangers and set riders on the street while an ongoing crisis. Lieferando fired riders and didnt reengage them at the end of their termination.

How did Lieferando’s first reactions look like?

Riders hardly heard anything from Lieferando. Lieferando did not organize meetings, trainings or personal exchange of information. Lieferando generally communicates with riders only by small notes or short, often misleading e-mails. The first information and the following updates focused exclusively on physical distance and disinfection measures. Lieferando emphasized to keep 1.5 m distance from each other and to wash his hands. The actual usefulness of this information was questionable, as Lieferando did not fully think through the hygiene measures. Only months later there was a presentation in which hygiene measures did not only concern delivery, i.e. contact with customers. But it took a very long time for Lieferando to communicate effectively with the restaurants and customers. Initially restaurants refused access to toilets, washbasins or disinfectants. Customers did not follow hygiene recommendations and even complained about riders who tried to keep their distance. And Lieferando itself did not give out disinfectant at first, then a small amount, apparently ineffective against viruses. Until the riders were provided with complete safety equipment (disposable gloves, face masks, disinfectant gel), Lieferando published statements such as

“Gloves and face masks would give the rider a false sense of security and thus tempt him to neglect other safety measures”.

When the more infections occurred in Berlin, Lieferando closed its delivery center (called “Hub”) for Rider. The hub-colleagues* shielded themselves. Riders remained on the streets without protection at first. The Hub used to be the place where riders* picked up their equipment at the beginning of their shift. After the closure of the hub, some riders received backpacks, helmets and rental bikes permanently. Since riders were no longer allowed to enter the hub, they should start from home. Just like the former foodora riders, all riders now had to store, clean and repair their equipment themselves without financial compensation. For Lieferando the number of people in the hub was reduced. For riders, the stress and risks on the road and at home increased. Lieferando’s company concept leaves hardly any room for hygiene measures or clearance regulations in the hub itself. Even without Corona, the hub is too narrow, filled with poorly maintained, worn wheels and smelly, soaked backpacks. Since Corona, Lieferando has been burdening drivers* with additional responsibilities for which they are not prepared – and for which they are neither trained nor paid enough. This is also typical for capitalist exploitation.

What is the situation now, when we have been in crisis for several months?

It took about a month for Lieferando to adjust to the emergency. In the course of time, the information became more frequent and the content improved: in the app’s chat, Lieferando kept on giving new instructions on how to handle pick-ups and deliveries. Public toilets were used more often for sanitary facilities. The instructions and information of Lieferando are mostly short and misleading, that’s why the riders help each other in chat groups, in their communities or they alone try to find ways to implement the instructions in a meaningful way.

The chaotic and intransparent handling of Lieferando with workers, restaurants and customers* could be observed at the online tipping scandal. Lieferando very surprisingly introduced a way to tip online. This had little to do with Covid-19, although riders tried to protect themselves from infection by tipping. All the riders noticed was that after an update of the delivery app some riders got some “tip” displayed.Riders were neither asked nor instructed about online tipping, but forced to do so. Some riders still want cash as a tip and try to reduce the risk of infection when receiving a tip. Some riders are afraid of earning less because they get less cash and the online tip appears on the pay slip. The management leaves us, as almost always, no choice and with the consequences of their decisions alone.

The online tipping scandal shows that scepticism and mistrust of the riders are justified because of the intransparent, arbitrary handling of Lieferando. Some riders only received their online tips after two months. Who knows how many are affected at all.

Are the measures sufficient?

The measures of Lieferando have so far been rather insufficient, delayed or irresponsible. For Lieferando the communication to the outside seems to be more important than the communication with the riders. Complaints from riders are noticed when there is public pressure. The delayed reactions and the general irresponsibility of Lieferando towards the employees endangers the health of the riders, restaurants and customers. It is unrealistic to assume that every rider is able to store or disinfect the backpacks and clothes at home. Some riders live with more than 8 other people in an apartment and sometimes share a room with 3 or 4 other people. Workers in other sectors, such as hospitals, may leave their potentially infectious equipment at work. Lieferando forces riders to endanger their families or roommates. Lieferando evades its responsibility and shifts it onto society. The underpaid workers and their communities have to bear the responsibility and costs. Lieferando thus increases profits, while the burden and risk for workers and the public increases. The outsourcing of costs to the community and thus its exploitation is typical for capitalist economic methods.

What must change at Lieferando to better deal with the situation?

It is remarkable and worrying that both the state and the bosses are still more concerned about the growth of the economy but not about the health of the workers and customers. Lieferando or the state must provide adequate protective equipment instead of burdening the riders with it – and then hope for the best. Lieferando must have our work equipment properly cleaned and disinfected by a professional team. Lieferando must bring sanitary standards to a hygienically acceptable level throughout the supply chain, including partner restaurants, not just during Corona. Hygienically speaking, the food in a restaurant is not the same as the food in your backpack.

As far as Lieferando and the relationship with the employees is concerned, the exploitation of the often precarious life situations of the workers is striking. Lieferando pays minimum wage or a little bit more. This does not cover basic living costs. Riders are exposed to mobbing situations, psychological pressure and threats. For most problems the solution of Lieferando is: Dismissal! Lieferando relies on insecurities of those who are not familiar with the German language or German law. The former Foodora Riders suffer from even worse contractual and working conditions. Although they do the same work, Lieferando treats them worse. They ride their own bikes and sometimes receive lower wages. The ex-Foodora Riders also suffer from the fact that they are usually completely on their own. Lieferando ignores them and hardly communicates with them.

Do you have a few words for your colleagues, maybe about what they can do to change this situation?

Lieferando divides and isolates us. Our exploitation is based on the fact that we are alone, we don’t stand up for each other, we don’t have enough knowledge, time or money to defend ourselves or help others. But we don’t need much to change our situation and we don’t have to be many. All we need is a little bit of mutual support, solidarity. Let us come together to share our problems and solutions. Don’t accept every situation that Lieferando wants to force on us.

Your bike is broken? Lieferando must pay for the repair! Your equipment is dirty? Lieferando has to pay you to clean it! Are you sick or are you afraid to go to work because of Corona? You want a permanent contract? You get partly paid, no tips, or payment is late? You’re not alone! Talk to the rider next to you. Contact support groups or unions. Together, even in small groups, we can change things!

[EN+DE] Workplace group Lieferando / Betriebsgruppe Lieferando

The company group of Lieferando employees in Berlin was founded in 2020. We are actually a workers group of “TakeAway”. Ex-Foodora employees are as welcome as Lieferando employees. We are supported by former Deliveroo employees and continue their #deliverunion campaign. Contact us on: faub – ldo (a) fau . org
Our goals
Through regular exchanges within the company group, we want to ensure that we can represent our common interests as a group. We want to become more by addressing and involving more workers. In this way we want to continuously improve the working conditions of all workers.  We want to support each other through knowledge and action to solve our problems together. No matter where we come from or where we want to go, no matter whether we are only in Germany for half a year or whether we do this work for several years, we want to be able to live from our work and not ruin our health. Above all we want to protect ourselves from arbitrariness of Lieferando and secure our jobs.
Our means
At the beginning there is the exchange among each other. Together we develop solutions to our problems. We share these with other employees in discussions, via info flyers or social media campaigns. We make sure that Lieferando treats us equally, allocates our shifts fairly, repairs our bikes properly and pays our wages exactly. We are supported by the structures of the Free Workers Union (FAU). For example, the Foreigners Section, other FAU members, journalists and lawyers help us.
About you
You are a rider, dispatcher or employed elsewhere at Lieferando? You can imagine that our work at Lieferando can be fun and less stressful? You want humane treatment, safe equipment and fair payment? You have other ideas and conceptions of our job? You want to stand up for something? Then come to our regular meetings!
About Lieferando (TakeAway)
Lieferando belongs to the “TakeAway.com” Group. TakeAway is worldwide in the (food) delivery service business. In 2018, TakeAway has also bought Foodora and its works councils together with DeliveryHero (Germany). In 2019 Deliveroo withdrew hastily and at the expense of the employees from Germany. Some riders organized themselves as part of the #deliverunion campaign and fought for high payouts in court. Since 2019 TakeAway and its subsidiary Lieferando have been a quasi-monopolist in Germany. TakeAway markets this story as a continuous success. Employees of Lieferando, Deliveroo and above all Foodora, experience it as an ongoing arbitrariness of the management level and constant deterioration of their working conditions. In the beginning of the spread of the Corona Virus Lieferando’s actions where slow, arbitrary and instransparent. Lieferando workers reacted and started a petition for better working conditions.

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Betriebsgruppe Lieferando

Die Betriebsgruppe von Lieferando-Beschäftigten in Berlin wurde 2020 gegründet. Wir sind damit auch eine Betriebsgruppe des TakeAway-Konzerns. Ex-Foodora-Beschäftigte sind genauso willkommen wie Lieferando-Beschäftigte. Wir werden auch von ehemaligen Deliveroo-Beschäftigten unterstützt und knüpfen an deren #deliverunion-Kampagne an. Kontakt: faub – ldo (a) fau . org

Unsere Ziele
Durch regelmäßigen Austausch innerhalb der Betriebsgruppe wollen wir sicherstellen, dass wir unsere gemeinsamen Interessen als Gruppe vertreten können. Wir wollen mehr werden, indem wir mehr Arbeiter*innen ansprechen und einbeziehen. Auf diese Weise wollen wir die Arbeitsbedingungen aller Beschäftigten kontinuierlich verbessern.  Wir wollen uns gegenseitig durch Wissen und Handeln unterstützen, um unsere Probleme gemeinsam zu lösen. Egal, woher wir kommen oder wohin wir wollen, egal, ob wir nur für ein halbes Jahr in Deutschland sind oder ob wir diese Arbeit für mehrere Jahre machen, wir wollen von unserer Arbeit leben können und nicht unsere Gesundheit ruinieren. Wir wollen uns vor allem vor der Willkür von Lieferando schützen und unsere Arbeitsplätze sichern.
Unsere Mittel
Am Anfang steht der Austausch untereinander. Gemeinsam entwickeln wir Lösungen für unsere Probleme. Diese teilen wir mit anderen Arbeiter*innen in Diskussionen, über Infoflyer oder Social-Media-Kampagnen. Wir arbeiten darauf hin, dass Lieferando uns gleichberechtigt behandelt, unsere Schichten gerecht verteilt, unsere Fahrräder ordentlich repariert und unsere Löhne genau ausbezahlt. Wir werden von den Strukturen der Freien Arbeitergewerkschaft (FAU) unterstützt. Zum Beispiel hilft uns die Foreigner-Sektion, andere FAU-Mitglieder, Journalisten und Anwälte.
Über Dich
Du bist Rider, Dispatcher oder anderweitig bei Lieferando (TakeAway) beschäftigt? Du kannst dir vorstellen, dass Arbeit bei Lieferando Spaß macht und weniger stressig sein kann? Du willst eine menschliche Behandlung, sichere Ausrüstung und eine faire Bezahlung? Du hast andere Vorstellungen und Ideen von unserer Arbeit? Du willst dich für etwas einsetzen? Dann komm zu unseren regelmäßigen Treffen!
Über Lieferando (TakeAway)
Lieferando gehört zur “TakeAway.com”-Gruppe. TakeAway ist weltweit im (Lebensmittel-) Lieferservice Geschäft. Im Jahr 2018 hat TakeAway zusammen mit DeliveryHero (Deutschland) gekauft und damit auch Foodora und dessen Betriebsräte. Im Jahr 2019 zog sich Deliveroo übereilt und auf Kosten der Beschäftigten aus Deutschland zurück. Einige Fahrer*innen haben sich im Rahmen der Kampagne #deliverunion organisiert und vor Gericht für hohe Auszahlungen gekämpft. Seit 2019 sind TakeAway und seine Tochtergesellschaft Lieferando in Deutschland ein Quasi-Monopolist. TakeAway vermarktet diese Geschichte als kontinuierlichen Erfolg. Die Beschäftigten von Lieferando, Deliveroo und vor allem Foodora erleben sie als anhaltende Willkür der Führungsebene und ständige Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Zu Beginn der Ausbreitung des Corona-Virus waren die Aktionen von Lieferando langsam, willkürlich und intransparent. Die Arbeiter*innen von Lieferando reagierten und starteten eine Petition für bessere Arbeitsbedingungen.

“Sich gerade dort organisieren, wo die Gefahr der Vereinzelung besteht”

Der Konflikt um Deliveroo ist ein Paradebeispiel für die Aufweichung von Arbeitsbedingungen in der sogenannten „Gig-Economy“ – er zeigt aber auch, dass es sich lohnt, gegen Selbige vorzugehen. Nun hat er einen Abschluss gefunden.

Der Arbeitskonflikt um die Massenentlassungen von Deliveroo hat ein Ende gefunden: Nachdem im Oktober vergangenen Jahres bereits drei Rider im Zuge von Güteverhandlungen eine deutlich höhere Abfindung als die zuvor angedachten und wenige hundert Euro schwachen „good will payments“ erwirken konnten, hat nun auch der vierte Rider eine Vergleichszahlung erhalten. Er hatte das erste und auch das darauffolgende Angebot des Lieferdienstes abgelehnt. Bei der nun erfolgten Zahlung handelt es sich um einen nochmals deutlich höheren Betrag: Deliveroo zahlte am Ende 8000 Euro.

Nach dem Rückzug des Lieferdienstes Deliveroo aus Deutschland im August vergangenen Jahres standen plötzlich zahlreiche Fahrer nicht nur ohne Job, sondern auch ohne angemessene Abfindung da. Grundlage der darauf folgenden Güteverhandlungen war nun der Streit um die Anerkennung der Rider als regulär Beschäftigte – von Seiten des Online-Lieferdienstes waren die Rider Selbstständige, denen bei Massenentlassungen keine Abfindung zusteht – und daher rührte auch der selbst zugeschriebene „good will“ in den äußerst niedrigen „good will payments“, die den Ridern unter dieser Prämisse zunächst angeboten worden waren.

Der Konflikt um Deliveroo ist ein Paradebeispiel für die Aufweichung von Arbeitsbedingungen in der sogenannten „Gig-Economy“ – er zeigt aber auch, dass es sich lohnt, gegen Selbige vorzugehen. „Wenn Betroffene sich wehren, kann das Signalwirkung haben, sowohl auf andere Angestellte als auch auf die Unternehmen – auch und vor allem in Zusammenhängen, in denen sich das Unternehmen lediglich als Arbeitsvermittler betrachtet und sich auf diese Weise seinen Verpflichtungen zu entziehen versucht“, so Johnny Hellqvist von der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union Berlin (FAU Berlin), „es ist wichtig, sich gerade dort zu organisieren, wo aufgrund ortsungebundener Tätigkeiten wie der Essenslieferung die Gefahr der Vereinzelung besteht.“

[DE+EN] Güteverhandlungen gegen Deliveroo: Widerstand zahlt sich aus

Heute waren die letzten zwei von vier Güterverhandlungen unserer Mitglieder gegen Deliveroo. Das Ergebnis aller Gerichtstermine: Gewerkschaftliche Organisierung gegen prekäre Arbeitsbedingungen lohnt sich.

Deliveroo hatte im Zuge der kurzfristigen Massenentlassung im August den Fahrern “good will payments” angeboten. Nun kam es zu drei Einigungen, die bis zum siebenfachen dieser willkürlich berechneten Zahlung betragen. Die Gegenseite hat allerdings die Möglichkeit, binnen zwei Wochen zu widerrufen.

Einer der Fahrer hat das Vergleichsangebot von über 4000€ abgelehnt, da dieses immer noch weit unter seiner Vorstellung einer angemessenen Abfindungszahlung lag. Denn weiterhin gehen wir davon aus, dass ein Arbeitsverhältnis und keine Selbstständigkeit bestand — und damit noch weit höhere Ansprüche ausstehen. Der Rider geht nun in die erste Instanz, um dies zu klären. Wird der Fall gewonnen, kann sich dies positiv auswirken auf Kämpfe anderer scheinselbstständig Beschäftigter.

Anlässlich des heutigen Termins hat ein Rider einen Redebeitrag gehalten.

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Conciliation hearings against Deliveroo: Fighting back pays off

The last two of our four members’ conciliation hearings against Deliveroo took place today. The result: fighting back against unfair working conditions pays off – whether in the workplaces, the streets or in the courts.

Deliveroo had previously offered workers a so-called “goodwill payment” in August after making the entire workforce redundant with almost no notice. The hearings ended in three settlements, where each of the three workers received up to seven times the payment originally offered by the company. However, the company has the right to withdraw these offers within two weeks.

The fourth rider rejected the settlement of over € 4,000, as this was far below what he considers a reasonable severance payment, having faced multiple hardships arising from his employment conditions. We’ll continue to fight for his right to be recognised as a fully employed worker and not a self-employed contractor. Next, he will have his first court case to push for his employee status to be recognised by the court. If the case is won, it could have a positive effect for other “self-employed” workers nationwide.

Outside the court, the FAU held a rally in solidarity with the riders. Here’s the speech from Akseli, an ex-Deliveroo-rider.

“Another courier cost them nothing. We were disposable”

The speech that was held outside the labour court today:

“We are here today, because we hold Deliveroo accountable for their actions. In August, the company fired all of it’s couriers on a four day notice. We do not just quietly accept this. They think they can do this, because we were forced to take up contracts as independent contractors, to be formally self-employed – but we all know the truth, as workers we were completely dependent on the company. We do not accept their reckless practices of recruiting anyone who did not have another job, and then abandoning them to the streets, only receiving orders through an application on their phone. Never even advicing any of their workers on issues like health insurance or accident insurance, let alone paying anything of them. They did not really care, because another courier cost them nothing. We were disposable. A big international company with a billion Euros of capital has to be held responsible to take some care of it’s workers.

It’s shocking to loose one’s means of subsistence with a four days notice. They gave us no warning. Even though, we could not know it’s coming, in some way, most of us were not surprised. This was the logical end to how they always treated us anyway. Deliveroo, like many other so-called platform businesses, routinely practiced withholding of information and deliberate misinformation as management strategy. Anyone who worked for Deliveroo as a courier knows that they never liked to talk to us, and when they sent us any messages and they seldom really spoke the truth. We were not treated as intelligent human beings. We were just extensions to their applications. We were disposable extensions, because there were always enough people in Berlin needing some money. And gig economy companies are up to taking advantage of this.

We attempted to engage in a conversation with Deliveroo, with our de facto employer. We tried to talk to them individually, and we tried to talk to them collectively. They did not bother to talk to us. They did not bother to try to improve on this – on the contrary! They only closed the chat channel we could use to talk to each other. They actively separated us from each other, in order to prevent us from defending ourselves and our interests. When we wrote them a petition asking for better working conditions, including a guarantee of having enough work to do, so one could actually earn a livable wage, they did not listen. They answered by hiring security guards to the front door of their office. Later on they moved their offices to high towers where the workers could not even enter. This is the neo-liberal economy, this is a form of neo-taylorism, where there are no worker rights, workers are manipulated to compete and work against each other, and where there is no collective action or solidarity. The management of the company is invisible to us, and lives in another reality. We are here today because we do not accept such practices. We do not accept their vision of the future.

Deliveroo has ceased its operations in Germany, but this struggle we are fighting here is not just about one country. They still operate in many other countries, where our colleagues are struggling with worsening working conditions. We are here also to express solidarity to them. We’re here to show that organising pays off. We are fighting together!”

Akseli, ex-Deliveroo Rider

[DE+EN] Plötzlicher Rückzug von Deliveroo: Rider ziehen vor Gericht

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[Pressemitteilung] Am kommenden Montag findet eine der ersten Güteverhandlungen zwischen gewerkschaftlich organisierten Fahrern und Deliveroo statt. Das Ergebnis könnte richtungweisend sein.

Über Nacht standen die Fahrer*innen von Deliveroo ohne ihren Job da, als Mitte August publik wurde, dass der app-basierte Auslieferdienst in Berlin den Betrieb einstellen wird. Das Unternehmen beendete die Selbstständigen-Verträge mit den Fahrer*innen zum 28. August. Vier Rider, die in der Basisgewerkschaft Freie Arbeiter*innen Union Berlin (FAU) organisiert sind, wehren sich nun dagegen. Für sie ist klar: Mit selbstständiger Arbeit hatte der Job nichts zu tun. Daher klagen sie nun auf Feststellung, dass ein reguläres Arbeitsverhältnis bei Deliveroo bestand – und somit ihre Kündigung unwirksam ist und noch Ansprüche gegen das Unternehmen ausstehen.

Rechtsanwalt Klaus Stähle, der die vier Fahrer vertritt: „Wir sind davon überzeugt, dass die Essensauslieferung, internetbasiert und gesteuert von Apps und Algorithmen, elektronischen Schichtplänen und automatisierter Auftragszuteilung bei standardisierten Preisen, die Fahrer soweit in die Organisation von Deliveroo eingliedert, dass für eine Selbstständigkeit kein Raum bleibt. Das sind ganz klar abhängig beschäftigte Arbeitnehmer. Die ‚Freiheit’ des Selbstständigen, einzelne Aufträge ablehnen zu können, wird umgehend vom Algorithmus bei neuen Schichtzuteilungen bestraft.“

In abhängigen Arbeitsverhältnissen gelten im Unterschied zu einem Vertragsverhältnis mit Selbstständigen gesetzlich geregelte, einst gewerkschaftlich erkämpfte Schutzbestimmungen – etwa Verletztengeld nach Unfällen oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Auch sind Abfindungszahlungen nach Massenentlassungen üblich. Deliveroo bot den Rider*innen aber lediglich eine willkürlich berechnete Entschädigungszahlung an. Dazu Fahrer Lukas Malik: „Die größere Hälfte dieses ‚good will payments’ war an die Bedingung geknüpft, mit einer Unterschrift auf alle weiteren Ansprüche zu verzichten. Ich betrachte es als einen Versuch der Befriedung enttäuschter Kolleg*innen. Viele haben unterschrieben. Aber ich kann und will Deliveroo nicht so einfach davonkommen lassen. Ein derart abruptes Ende ist existenzbedrohend und verlangt danach, sich zu wehren“.

Mit dieser Entscheidung geht auch die FAU-Kampagne „Deliverunion“ in eine nächste Runde. Jahrelang hatte das Unternehmen die hier vorgebrachten legitimen gewerkschaftlichen Forderungen ignoriert. Nun sieht man sich vor Gericht – mit Aussicht auf eine Signalwirkung für die sogenannte „Gig-Economy“: „Dieses Geschäftsmodell fördert Scheinselbstständigkeit, schafft rechtsfreie Räume und damit hohe Risiken für Arbeiter*innen. Ein Urteil gegen Deliveroo kann ähnlichen agierenden Unternehmen eine Warnung sein. Die oftmals marginalisierten Beschäftigten wird es dazu ermutigen, sich gegen prekäre Arbeitsbedingungen zu organisieren”, so Gewerkschaftssekretär Johnny Hellqvist von der FAU Berlin.

Die Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht sind öffentlich.

Wo? Magdeburger Platz 1, 10785 Berlin, Saal 206.
Wann? 07.10.2019 11:30 Uhr.

Für weitere Fragen stehen die Beteiligten vor Ort zur Verfügung.

i.A. Erik Hermann, Sekretär

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Sudden Closure of Deliveroo: Riders go to court

[Press Release] The first negotiations between unionised drivers and Deliveroo will take place on Monday. The result could set a precedent.

Overnight, Deliveroo riders were left jobless when it was made public in mid-August that the app-based delivery service would cease its operations in Berlin. The company terminated the self-employed riders’ contracts on the 28th August. Four riders, organised in the base trade union Freie Arbeiter*innen Union Berlin (FAU), are now fighting this. For them it is clear that the job had nothing to do with self-employment. Therefore, they are going to court to have it declared that a regular employment relationship existed between them and Deliveroo – which means that their dismissal is invalid and outstanding payments are due from the company.

According to lawyer Klaus Stähle, who represents the four drivers: “We are convinced that internet-based food delivery controlled by apps and algorithms, electronic shift plans and automated order assignment at standardized prices integrates the drivers into Deliveroo’s organization to such an extent that there is no room for self-employment. These are clearly dependent employees. The ‘freedom’ of the self-employed to reject individual orders is immediately punished by the algorithm when it comes to new shift allocations.”

In a dependent employment relationship, in contrast to one with self-employed workers, legally-regulated protections won through prior trade union struggles apply – such as compensation for injury resulting from accidents or continued payment of wages in the event of illness. Severance payments after collective redundancies are also common. Deliveroo, however, only offered the riders an arbitrarily-calculated compensation payment. For rider Lukas Malik: “The majority of these ‘good will payments’ were tied to the condition that by signing, riders waive their right to all further claims. I see it as an attempt to pacify disgruntled colleagues. Many have signed. But I cannot and will not let Deliveroo get away with it so easily. Such a sudden termination puts riders in a very precarious situation, and must be challenged”.

This decision takes the FAU “Deliverunion” campaign into a new phase. For years, the company has ignored these legitimate trade union demands. Now it sees itself in court – with the prospect of sending a signal to the so-called “gig economy”. “This business model promotes bogus self-employment, creates space for the denial of rights, and thus poses a serious risk for workers. A verdict against Deliveroo could constitute a warning to similar companies. Marginalised employees will be emboldened to organise against precarious working conditions,” says trade union secretary Johnny Hellqvist of the FAU Berlin.

The labour court hearings are open to the public.

Where? Magdeburger Platz 1, 10785 Berlin, Room 206.
When? 07.10.2019 11:30 am.

The participants will available on site to answer questions.

[DE+EN] Güteverhandlungen FAU vs Deliveroo

Schuldet Deliveroo seinen ehemaligen Arbeiter*innen nicht mehr? Am kommenden Montag findet eine der ersten Güteverhandlungen zwischen gewerkschaftlich organisierten Fahrern und Deliveroo statt. Zwei (insgesamt 4) (Ex-)Deliveroo-Rider klagen auf Statusfeststellung (Scheinselbständigkeit) und gegen ihre Kündigung. Das Ergebnis könnte richtungweisend sein.

Wann: Montag 07.10.2019, 11:30 Uhr.

Wo: Saal 206, Arbeitsgericht Berlin, Magdeburger Platz 1, U-Bahn: Kurfürstenstraße, Nollendorfplatz.

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Two pre-negotiations in the labour dispute against Deliveroo will take place soon. Four dismissed Deliveroo riders are suing Deliveroo for dismissing them and against their fake self-employment.

When: Monday, 07.10.2019 at 11:30 am

Where: The Labor Court Berlin (room 206), Magdeburger Platz 1, U-Bahn: Kurfürstenstraße, Nollendorfplatz.

[DE+EN] Deliveroo zieht sich zurück – Kämpfe gegen prekäre Arbeitsbedingungen gehen weiter

Auch bei seinem Rückzug aus der BRD zeigt Deliveroo, dass die Entlohnung und soziale Absicherung seiner stark von Minderheiten geprägten Belegschaft keinen Stellenwert im Unternehmenshandeln hat. Der Kampf gegen die besonders prekären Arbeitsbedingungen der Plattform-Ökonomie in ihrer heutigen Form geht trotzdem weiter – bei Deliveroo in anderen Ländern und bei anderen Plattformen in der Lieferbranche oder anderen Wirtschaftsbereichen in der BRD.

Zum 16.08.2019 zieht sich die Firma Deliveroo aus dem deutschen Markt zurück. Deliveroo hinterlässt ein Heer von scheinselbstständigen Arbeiter*innen, die ohne soziale Absicherung für Hungerlöhne schufteten. Für Deliveroo hatte das Prinzip einer sozialen Verantwortung nie Priorität – dass die Arbeiter*innen nun heute erst informiert wurden, dass sie ab Samstag erwerbslos sind, passt da ins Bild. Den Ridern statt vernünftigen Abfindungen nun Kleinzahlungen als sogenannte “goodwill payments” anzubieten ist in diesem Kontext fast unüberbietbar zynisch.

Die Arbeitsbedingungen in der Lieferbranche werden nach unseren Erfahrungen auch nach dem Ausscheiden Deliveroos prekär bleiben. Arbeitsplätze als Essenskurier sind nach wie vor besonders wichtig für Arbeiter*innen, die nicht muttersprachlich in Deutsch sind. Diese Abhängigkeit und schwächere gesellschaftliche Stellung von Minderheiten ist und wird den Konzernen der Branche weiterhin als Grundlage dafür dienen, zu versuchen, prekäre Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Wir unterstützen weiterhin den weltweiten Gewerkschaftskampf für bessere Arbeitsbedingungen in der Lieferbranche, auch gegen Deliveroo. Die Streiks und Aktionen in Spanien, dem Vereinigten Königreich und ganz besonders in den letzten Tagen in Paris zeigen auf, dass diese Arbeitsbedingungen keine Zukunft haben, solange Gewerkschaften kämpfen.

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Deliveroo retreats – the struggle against precarious working conditions continues

Even in its retreat from Germany, Deliveroo makes clear that the wages and social security of their workforce, mainly composed by minorities, are not a big issue for the company’s decision-making. However, the struggle against the particularly precarious working conditions within the present-day platform economy continues; in other countries at Deliveroo, and at other platforms of the delivery and further industries in Germany.

Deliveroo leaves behind an army of fake self-employed workers who worked for starvation wages without social security. For Deliveroo, social responsibility has never been a priority – the fact that workers have been informed today that they will be unemployed on Saturday fits in well with the picture. Offering small payments as “goodwill payments” to the riders instead of reasonable severance pay is almost unsurpassable cynicism in this context.

According to our experience, the working conditions in the delivery industry will remain precarious even after the departure of Deliveroo. Jobs as a food courier are still particularly important for workers who are not native speakers in German. This dependency and weaker social position of minorities is and will continue to serve as a basis for corporate groups in the industry to try to impose precarious working conditions.

We continue to support the global union struggle for better working conditions in the delivery industry, including Deliveroo. The strikes and actions in Spain, the UK, and especially in recent days in Paris, show that these working conditions have no future as long as unions fight.